Eine neue Sonderausstellung im Senckenberg Naturmuseum Frankfurt erzählt die Geschichten von elf Frauen, die Naturforschung geprägt haben und trotzdem lange kaum sichtbar waren.
1914 steht Aenny Fahr auf dem Deck eines Forschungsschiffs vor Spitzbergen. Vor ihr liegen Gletscher, Eis und die Weite der Arktis. In der Hand hält sie eine Kamera. Fahr begleitet die erste Frankfurter Polarexpedition und dokumentiert Landschaften, Tiere und das Leben an Bord.
Ihre Fotografien gehören heute zu den wenigen erhaltenen Zeugnissen dieser Reise.
Nur ihren Namen kennen die wenigsten.
Genau an dieser Stelle setzt die neue Sonderausstellung „Secret Service: Frauen in der Naturforschung“ im Senckenberg Naturmuseum Frankfurt an. Vom 25. September 2026 bis zum 31. Oktober 2027 erzählt sie die Geschichten von elf Frauen, deren Arbeit für die Naturforschung bedeutend war und die dennoch lange nur am Rand der Wissenschaftsgeschichte auftauchten.
Dabei geht es keineswegs nur um Wissenschaftlerinnen im klassischen Sinne. Die Ausstellung zeigt Forscherinnen, Zeichnerinnen, Sammlerinnen, Fotografinnen und Laborantinnen. Aber auch Frauen, die wissenschaftliche Arbeit mit ihrem Vermögen überhaupt erst möglich machten.
Von Maria Sibylla Merian bis Tilly Edinger
Der zeitliche Bogen reicht vom 17. bis ins 20. Jahrhundert. Einige Namen dürften vielen bekannt sein.
Dazu gehört Maria Sibylla Merian, die mit ihren außergewöhnlich genauen Darstellungen von Pflanzen und Insekten Wissenschaft und Kunst miteinander verband.
Auch Tilly Edinger ist Teil der Ausstellung. Sie gilt als Begründerin der Paläoneurologie und gehört zu den bedeutendsten Wissenschaftlerinnen in der Geschichte Senckenbergs.
Andere Biografien sind heute dagegen fast vollständig aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden.
Da ist etwa Wilhelmine Meyer, die im Malaiischen Archipel zahlreiche Tierarten sammelte. Mehr als 200 Schmetterlinge brachte sie zusammen, 19 davon waren der Wissenschaft damals noch unbekannt. Ein Bild von ihr ist nicht überliefert.
Oder Elisabeth Schultz, Botanikerin und Malerin, deren „Flora von Frankfurt“ bis heute ein außergewöhnliches Zeugnis der regionalen Pflanzenkunde ist.
Die Archäologin Ida von Boxberg war die erste Frau ihres Fachs in Sachsen. Maria Schilder beschäftigte sich wissenschaftlich mit Weichtieren und baute gemeinsam mit ihrem Mann eine bedeutende Schneckensammlung auf.
Frauen, ohne die Wissenschaft nicht möglich gewesen wäre
Spannend wird die Ausstellung vor allem dort, wo sie den Blick auf wissenschaftliche Leistung erweitert.
Denn Forschung besteht nicht nur aus Expeditionen, Laboren und Veröffentlichungen.
So erinnert die Ausstellung auch an Johanna Rebecca Senckenberg, deren Vermögen einen wichtigen Grundstock für die spätere Senckenberg Stiftung bildete. Auch Louise von Bose unterstützte die wissenschaftliche Entwicklung der Senckenberg Gesellschaft mit einer erheblichen finanziellen Zuwendung.
Die Zeichnerin Gertrud Winter von Möllendorff machte mit ihren Illustrationen naturwissenschaftliche Erkenntnisse sichtbar.
Und die Museumslaborantin Margot Perl half während des Zweiten Weltkriegs dabei, wertvolle Teile der Senckenberg Sammlungen vor der Zerstörung zu bewahren.
Es sind sehr unterschiedliche Lebenswege. Gemeinsam ist ihnen, dass ihr Anteil an Forschung und Wissenschaft lange deutlich weniger sichtbar war als der ihrer männlichen Kollegen.
Wenn historische Fotografien fehlen
Die Ausstellung steht dabei vor einem ganz praktischen Problem.
Von einigen der porträtierten Frauen existieren keine Fotografien, die sie bei ihrer Arbeit zeigen. Teilweise ist überhaupt kein Bild überliefert.
Deshalb hat die Fotografin und Wissenschaftskommunikatorin Gesine Born auf Grundlage historischer Quellen neue Porträts geschaffen. Dabei kam auch Künstliche Intelligenz zum Einsatz.
Die Bilder zeigen die Frauen beim Zeichnen, Sammeln oder Forschen. Sie sollen ausdrücklich nicht den Eindruck vermitteln, historische Fotografien zu sein.
Die KI generierten Bestandteile werden deshalb gekennzeichnet. Unter jedem Porträt befindet sich eine bearbeitete Kopie, die zeigt, welche Bereiche fotografisch entstanden sind und welche mithilfe von KI ergänzt wurden.
Ein Making of Film erklärt zusätzlich, wie die Bilder entstanden sind.
Die historische Grundlage liefert die Arbeit der Historikerin Dr. Luisa Kapp. Kleidung, Umgebung und Tätigkeiten wurden anhand vorhandener Quellen geprüft.
Die Bilder bleiben trotzdem eine Annäherung. Sie zeigen nicht, wie es tatsächlich aussah, sondern wie eine historisch plausible Darstellung hätte aussehen können.
Gerade dadurch stellt die Ausstellung eine interessante Frage: Wie erinnern wir uns an Menschen, von denen kaum Bilder existieren? Und wie sehr entscheidet Sichtbarkeit darüber, wer später Teil unserer Geschichte wird?
Originale erzählen weiter
Neben den neu entstandenen Porträts zeigt das Senckenberg historische Dokumente und Originalobjekte.
Zu sehen sind Stücke, mit denen die porträtierten Frauen gearbeitet haben oder die von ihnen selbst angefertigt wurden.
Ihre Geschichten beschränken sich außerdem nicht auf den Sonderausstellungsraum. Auch in der Dauerausstellung begegnen Besucherinnen und Besucher den Frauen an verschiedenen Stellen wieder.
Dort werden Sammlungsobjekte mit ihren Biografien verbunden.
Das verändert den Blick auf manches Exponat. Hinter einer wissenschaftlichen Sammlung steht schließlich nicht nur ein Gegenstand. Dahinter stehen Menschen, die gesammelt, gezeichnet, bestimmt, konserviert, dokumentiert oder finanziert haben.
Der Blick geht auch in die Gegenwart
„Secret Service“ bleibt nicht in der Vergangenheit.
Eine Infografik zur sogenannten „Leaky Pipeline“ zeigt, an welchen Stellen Frauen auf dem Weg vom Studium über die Forschung bis in höhere wissenschaftliche Positionen zunehmend verloren gehen und welche strukturellen Hürden dabei eine Rolle spielen.
Damit bekommt die historische Ausstellung einen direkten Bezug zur Gegenwart.
Am Ende erzählt „Secret Service“ also nicht einfach elf Biografien.
Die Ausstellung stellt eine größere Frage: Wer kommt in der Geschichte der Wissenschaft vor und wer nicht?
Nach einem Rundgang wird zumindest deutlich, dass Naturforschung auch bei Senckenberg nie nur eine Geschichte großer männlicher Forscher war.
Man muss nur genauer hinsehen.
Secret Service: Frauen in der Naturforschung
📍 Senckenberg Naturmuseum Frankfurt
Senckenberganlage 25
60325 Frankfurt am Main
📅 25. September 2026 bis 31. Oktober 2027












