In St. Michael im Nordend finden bis zu 2.500 Urnen Platz. Das ungewöhnliche Konzept passt zu einer Bestattungskultur, die sich in Deutschland zunehmend verändert
Der Tod bekommt in Frankfurt einen neuen Ort. Mit St. Michael im Nordend hat Hessens erste Begräbniskircheeröffnet. In dem denkmalgeschützten Gotteshaus können künftig bis zu 2.500 Urnen beigesetzt werden.
Das klingt zunächst ungewöhnlicher, als es inzwischen ist. Deutschlandweit gibt es nach Angaben des Bistums bereits rund 50 Kirchen mit vergleichbaren Konzepten. Was Frankfurt von anderen Regionen unterscheidet: In Hessen gab es eine solche Begräbniskirche bislang nicht. Tagesschau
Und St. Michael kommt zu einem Zeitpunkt, an dem sich der Umgang mit Tod und Bestattung sichtbar verändert.
Ein Friedhof unter einem Dach
Wer St. Michael betritt, erkennt weiterhin sofort eine Kirche. Der hohe Raum ist geblieben, ebenso die besondere Architektur des 1954 errichteten und heute denkmalgeschützten Gebäudes. Neu sind zwölf geschwungene Urnenwände, die sich in den Kirchenraum einfügen und kleinere Bereiche für Erinnerung und Abschied schaffen.
Die Urnen befinden sich hinter geriffeltem Glas. Davor können Angehörige Blumen oder persönliche Zeichen hinterlassen.
Nummern sucht man hier weitgehend vergebens. Die einzelnen Bereiche tragen Namen wie Glaube, Liebe, Hoffnung, Dankbarkeit, Freundlichkeit, Vertrauen und, passend zu Frankfurt, Eintracht.
Anonyme Bestattungen gibt es bewusst nicht. Jeder Verstorbene bleibt mit seinem Namen sichtbar. Tagesschau
Begräbniskirchen sind längst kein Einzelfall mehr
Frankfurt ist mit dem Konzept nicht allein. Die erste Urnenbegräbnisstätte dieser Art in einer deutschen Kirche entstand bereits 2006 in Aachen. Seitdem sind weitere hinzugekommen. Heute wird ihre Zahl bundesweit mit rund 50 angegeben. temp.ekd.de
Dahinter stehen gleich mehrere Entwicklungen. Viele Menschen wünschen sich pflegeleichte Grabstätten. Familien leben häufiger über Städte und Länder verteilt, klassische Familiengräber verlieren dadurch an Bedeutung. Gleichzeitig wächst der Wunsch nach individuelleren Formen des Abschieds.
Eine Begräbniskirche verbindet beides. Die Grabstätte braucht keine Pflege, Angehörige haben trotzdem einen festen Ort, den sie besuchen können. Und anders als bei einer anonymen Urnenbestattung bleibt der Name des Verstorbenen präsent.
Auch die Gesetze beginnen sich zu verändern
Wie grundsätzlich der Wandel inzwischen geworden ist, zeigt ein Blick über die Landesgrenze.
Rheinland-Pfalz hat 2025 sein Bestattungsrecht grundlegend reformiert. Wer dort seinen letzten Hauptwohnsitz hatte und seinen Wunsch zuvor entsprechend festgelegt hat, kann unter bestimmten Voraussetzungen bestimmen, dass seine Urne später im häuslichen Umfeld einer benannten Person aufbewahrt wird. Auch neue Formen wie Flussbestattungen oder das Verstreuen der Asche auf einem privaten Grundstück sind möglich. Wissenschaftsministerium RLP
Ein Jahr nach Einführung berichten Bestatter dort von einer Nachfrage nach genau solchen Alternativen. Manche Angehörige hätten schon früher danach gefragt, die Urne mit nach Hause nehmen zu dürfen. Tagesschau
Hessen geht diesen Weg bislang nicht. Hier gilt weiterhin grundsätzlich der Friedhofszwang. St. Michael bewegt sich deshalb innerhalb des bestehenden Bestattungsrechts, schafft aber trotzdem einen anderen Rahmen als der klassische Friedhof.
Ein Platz mitten in der Stadt
Genau darin liegt eine Besonderheit des Frankfurter Modells. Die Toten verschwinden nicht an den Stadtrand. St. Michael liegt mitten im Nordend, zwischen Wohnhäusern und dem täglichen Leben.
Die Kirche soll dabei mehr sein als ein Gebäude voller Urnen. Trauerbegleitung gehört ausdrücklich zum Konzept, Gottesdienste finden weiterhin statt. Der Ort bleibt damit Kirche und wird gleichzeitig Friedhof und Erinnerungsraum. Tagesschau
Die Begräbniskirche steht zudem Menschen unabhängig von ihrer Konfession offen.
2.900 Euro für 15 Jahre
Ein Urnenplatz kostet 2.900 Euro für eine Ruhezeit von 15 Jahren. Darin enthalten sind auch Trauergespräch, Trauerfeier und Beisetzung. Insgesamt wurden rund 3,5 Millionen Euro in den Umbau des Gebäudes investiert. Tagesschau
Damit ist St. Michael nicht einfach eine neue Bestattungsmöglichkeit. Die Kirche steht exemplarisch für eine Frage, die in den kommenden Jahren häufiger gestellt werden dürfte: Wie wollen wir eigentlich bestattet werden, wenn der klassische Friedhof für immer mehr Menschen nicht mehr die selbstverständliche Antwort ist?
Rheinland-Pfalz beantwortet diese Frage inzwischen mit größerer persönlicher Freiheit. Frankfurt wählt einen anderen Weg. Hier bleibt die letzte Ruhestätte ein öffentlicher Ort, allerdings einer, der geschützter, zentraler und persönlicher sein möchte als viele traditionelle Friedhöfe.
Und vielleicht ist genau das der eigentliche Reiz von St. Michael: Der Tod wird nicht versteckt. Er bekommt einen Platz mitten in der Stadt und damit wieder etwas mehr Nähe zum Leben.












