Wer die Opel Schmiede in Rüsselsheim zum ersten Mal betritt, versteht schnell, warum sie früher den Spitznamen „Titanic“ trug. Die 260 Meter lange Halle erreichte nahezu die Ausmaße des berühmten Ozeandampfers und gehörte zu den eindrucksvollsten Industriebauten ihrer Zeit. Noch heute zeugen die vom Schmiedebetrieb geschwärzten Wände von einer Epoche, in der hier unter gewaltigem Lärm und großer Hitze Kurbelwellen für Millionen von Fahrzeugen entstanden.
Seit 2021 ist die Produktion Geschichte. Nach mehr als acht Jahrzehnten verstummten die Maschinen. Nun soll die denkmalgeschützte Halle eine neue Aufgabe erhalten. Die Stadt Rüsselsheim plant, die ehemalige Opel Schmiede zu einem Veranstaltungs- und Kulturort zu entwickeln. Konzerte, Ausstellungen, Messen und weitere Veranstaltungen sollen das Gebäude künftig wieder mit Leben füllen.
Die ersten Schritte in diese Richtung sind bereits sichtbar. Im Rahmen der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 zählt die Opel Schmiede zu den zehn Schauplätzen der digitalen Ausstellung „FrankfurtRheinMain auf dem Weg in die Moderne“. Die ab September verfügbare Ausstellung erzählt anhand kurzer Filme von Orten und Menschen, die den Wandel der Region geprägt haben und heute neue Perspektiven eröffnen.
Auch während der Tage der Industriekultur Rhein Main vom 5. bis 13. September 2026 rückt die Halle in den Mittelpunkt. Das Festival lädt dazu ein, Industriegeschichte nicht nur zu betrachten, sondern zu erleben. Besucher erhalten Einblicke in historische Produktionsstätten, Unternehmen und technische Denkmäler, die sonst nur selten zugänglich sind. Führungen, Ausstellungen und Vorträge zeigen, wie eng die Entwicklung der Region mit Themen wie Mobilität, Energie, Produktion und Stadtentwicklung verbunden ist. Die Opel Schmiede steht dabei beispielhaft für den Wandel ehemaliger Industriestandorte, die ihre Geschichte bewahren und zugleich eine neue Zukunft erhalten.
Am 13. September wird die Halle erstmals selbst zur Bühne. Das traditionsreiche Rüsselsheimer Klassikertreffen zieht an die Opel Schmiede und bringt zahlreiche Oldtimer und Youngtimer vor die beeindruckende Industriekulisse. Die Veranstaltung versteht sich zugleich als Auftakt für die künftige Nutzung des Geländes. Weitere Kulturveranstaltungen, Messen und Events sind bereits geplant.
Die Geschichte der Opel Schmiede beginnt 1937. Ein Jahr später ging die Halle in Betrieb und galt damals als modernste Gesenkeschmiede der Welt. Mit Dampfhämmern, deren Fallgewicht bis zu acht Tonnen betrug, wurden hier Kurbelwellen und andere Schmiedeteile für die Automobilproduktion gefertigt. Zeitweise arbeiteten bis zu 1.000 Menschen gleichzeitig in der Schmiede und dem angeschlossenen Gesenkbau. Mit 260 Metern Länge, 24 Metern Breite und rund 15 Metern Höhe zählt die Halle bis heute zu den markantesten Industriebauten der Region. Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wurde sie originalgetreu wieder aufgebaut.
Wer heute durch die Halle geht, entdeckt nicht nur Stahlträger, Backsteinwände und die alte Kranbahn. Der Geruch von Öl liegt noch immer in der Luft, an den Wänden haften Ruß und Staub aus Jahrzehnten der Produktion. Es wirkt, als hätte die Industrie den Ort gerade erst verlassen. An manchen Wänden hängen noch Plakate, die Mitarbeiter vor Jahrzehnten angebracht haben. Sie erinnern an Erfolge von Eintracht Frankfurt, an die deutsche Fußballnationalmannschaft oder an Michael Schumacher. Gerade diese unscheinbaren Erinnerungsstücke verleihen der Halle ihren besonderen Charakter. Sie machen deutlich, dass hinter der beeindruckenden Industriearchitektur vor allem die Menschen standen, die hier Tag für Tag gearbeitet haben.
Die Opel Schmiede ist kein leeres Industriedenkmal. Sie erzählt die Geschichte der Menschen, die Rüsselsheim über Jahrzehnte geprägt haben. Künftig soll sie zugleich ein Ort werden, an dem diese Geschichte weitergeschrieben wird. Zwischen Stahlträgern und Backsteinwänden könnte ein Veranstaltungsort entstehen, der Vergangenheit und Gegenwart auf ungewöhnliche Weise miteinander verbindet.
Das vollständige Programm der Tage der Industriekultur Rhein Main ist unter www.krfrm.de/TageIndustriekultur abrufbar.












