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Frankfurt ehrt Barbara Honigmann mit Goethepreis: Feierliche Preisverleihung in der Paulskirche

29.08.2023 | 15:42 Uhr | Kultur
Frankfurt ehrt Barbara Honigmann mit Goethepreis: Feierliche Preisverleihung in der Paulskirche

Alle drei Jahre verleiht die Stadt Frankfurt am Main in Gedenken an Johann Wolfgang von Goethe den nach ihm benannten und mit 50.000 Euro dotierten Kulturpreis. In diesem Jahr wurde die Schriftstellerin Barbara Honigmann mit dem Goethepreis geehrt. Die feierliche Preisverleihung in Anwesenheit der Preisträgerin vor Gästen aus Politik und Kultur sowie zahlreichen interessierten Bürgerinnen und Bürgern fand am Montag, 28. August, in der Paulskirche statt. Kultur- und Wissenschaftsdezernentin Ina Hartwig überreichte die Preisurkunde. Die Laudatio hielt der Liedermacher und Lyriker Wolf Biermann. Musikalisch umrahmt wurde die Zeremonie vom Oxalis Quartett, das Stücke von Schubert, Mozart und Beethoven spielte.
 
In ihrer Begrüßung würdigte Kulturdezernentin Hartwig die Preisträgerin als bedeutende Chronistin jüdischen Lebens im geteilten Deutschland: „Wir sind stolz und glücklich, mit Barbara Honigmann eine Literatin auszuzeichnen, deren Romane eindringlich vom Schicksal jüdischer Menschen in der DDR ebenso wie der Künstlerbohème in Ost-Berlin erzählen.“ Gespeist aus eigenen Erlebnissen und Erfahrungen und oftmals autobiografisch grundiert, eröffneten Honigmanns Texte doch zugleich die Perspektive auf historische Zusammenhänge und Entwicklungen. „Obwohl es individuelle Geschichten sind, eignet all ihren Romanen etwas Paradigmatisches, ja Zeithistorisches, das Zeugnis gibt von den Hoffnungen und Enttäuschungen jüdischer Menschen im sozialistischen Teil Deutschlands.“
 
Mit Biermann sprach ein langjähriger Freund und Weggefährte Honigmanns die Laudatio. „Etwas Besonderes prägte Leben und Werk von Barbara Honigmann wie auch das meine“, sagte Biermann. „Wir blieben in Deutschland Ausnahme-Exemplare, denn beide waren wir in diese Welt als Juden- und Kommunisten-Kinder geraten. […] Ich werde meine Freundin gelegentlich unter vier Augen indiskret fragen, ob auch sie noch manchmal den Phantomschmerz seit dem Verlust unseres Kinderglaubens an ein kommunistisches Narrenparadies spürt.“ Zum Abschluss seiner gleichermaßen wortgewaltigen wie persönlichen Rede intonierte der Laudator „zwei alte Berliner Liebeslieder“: „Berliner Pflanze“ und „Und als wir ans Ufer kamen“.
 
Honigmann sagte in ihrer Dankesrede: „Mein Weg als Deutsche ist vielfach markiert von Goethe-Lektüren, Goethes Theater, Goethes Gedichten, Goethes Prosa. Mein Weg als Jüdin ist geprägt von Exil-Erzählungen und Überlebensgeschichten und von dem tief in mich eingepflanzten und stets anwesenden Gefühl von einem ‚Wir‘, die Juden, und ‚die‘, die Deutschen, unter denen wir lebten.“ Ihre intensive Beschäftigung mit dem Judentum vor dem Hintergrund der Shoa verbinde sie auch mit anderen jüdischen Autoreninnen und Autoren der nachgeborenen Generation, etwa Robert Schindel, Maxim Biller, Robert Menasse, Esther Dischereit oder Rafael Seligmann. „Alle diese Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die sich in keiner Weise als Gruppe empfinden oder gar konstituiert haben, schreiben aus den Erfahrungen ihrer jüdischen Herkunft, einer Art Selbstbefragung, wer sind wir, wo gehören wir hin, wo ist unser Platz, wie halten wir es mit dem schwierigen Erbe unserer Familien, wohin gehen unsere Wege.“
 
Honigmann wurde 1949 in Berlin geboren. Ihre Eltern hatten im Exil überlebt und waren 1947 remigriert, um den Aufbau eines besseren Deutschlands zu unterstützen. Sie studierte Theaterwissenschaften an der Humboldt-Universität und war anschließend als Dramaturgin und Regisseurin in Brandenburg und an der Volksbühne in Berlin tätig. Seit 1975 lebt und arbeitet sie als freie Schriftstellerin. Schon bevor sie 1984 aus der DDR ausreiste, begann sie, sich intensiv mit ihren jüdischen Wurzeln auseinander zu setzen, was in einem Bekenntnis zum orthodoxen Judentum mündete. Zu den wichtigsten Büchern aus ihrem umfangreichen Œuvre zählen etwa „Roman von einem Kinde. Erzählungen“ (1986), „Soharas Reise“ (1996), „Alles, alles Liebe“ (2000), „Bilder von A.“ (2011), „Chronik meiner Straße“ (2015) und „Georg“ (2019). Barbara Honigmann wurde mit dem Aspekte-Literaturpreis 1986, dem Kleist-Preis 2000, dem Jean-Paul-Preis für das Lebenswerk (2021) und 2022 mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgezeichnet. Sie ist ebenfalls Autorin von Essays und Hörspielen sowie Theaterstücken. Barbara Honigmann wirkt auch als Bildende Künstlerin; sie lebt mit ihrem Mann in Straßburg. Ihre Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt.
 
Der Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main wird alle drei Jahre am Geburtstag Johann Wolfgang vo nGoethes, dem 28. August, an eine Persönlichkeit verliehen, „die durch ihr Schaffen bereits zur Geltung gelangt und deren schöpferisches Wirken einer dem Andenken Goethes gewidmeten Ehrung würdig ist“. Dem Kuratorium gehörten dieses Jahr neben den ständigen Mitgliedern – diese sind der Oberbürgermeister (damals aufgrund der Vakanz vertreten durch die Bürgermeisterin), die Stadtverordnetenvorsteherin, die Kultur- und Wissenschaftsdezernentin, die Hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst, der Präsident der Goethe-Universität und die Direktorin des Freien Deutschen Hochstiftes – die Schriftstellerin Zsuzsa Bánk, die Dichterin und Schriftstellerin Marion Poschmann und die Literaturkritikerin Beate Tröger an.
 
Die vergangenen Preisträgerinnen und Preisträger waren 2005 Amos Oz, 2008 Pina Bausch, 2011 Adonis, 2014 Peter von Matt, 2017 Ariane Mnouchkine und 2020 Dževad Karahasan. Frühere Preisträger waren unter anderem Sigmund Freud (1930), Hermann Hesse (1946) und Thomas Mann (1949). Erster Goethepreisträger war im Jahr 1927 Stefan George.

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