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Frankfurt würdigt die Holocaust-Überlebende Edith Erbrich

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zuletzt aktualisiert 18.08.2026 | 11:02 Uhr | Leute
Frankfurt würdigt die Holocaust-Überlebende Edith Erbrich

Es gibt Erinnerungen, die nicht verblassen. Sie bleiben, auch wenn jahrzehntelang nicht über sie gesprochen wird. Edith Erbrich hat lange geschwiegen über das, was ihr als Kind angetan wurde. Später entschied sie sich, ihre Geschichte zu erzählen. Nicht einmal, sondern immer wieder. Vor Schulklassen, in Jugendzentren, an Universitäten und auf Bildungsreisen.

Für diesen Einsatz hat die Stadt Frankfurt die Holocaust-Überlebende am Montag, 17. August, mit ihrer Ehrenplakette ausgezeichnet. Oberbürgermeister Mike Josef überreichte ihr die Auszeichnung im Limpurgsaal des Römers. Geehrt wurde eine Frau, die einen großen Teil ihres Lebens der Erinnerung gewidmet hat und jungen Menschen zeigt, wohin Ausgrenzung, Menschenverachtung und politischer Fanatismus führen können.

Eine Kindheit unter nationalsozialistischer Verfolgung

Edith Erbrich wurde 1937 in Frankfurt geboren. Ihr Vater war Jude, ihre Mutter katholisch. Nach der menschenverachtenden Rassenlehre der Nationalsozialisten galten Edith und ihre ältere Schwester als sogenannte „Mischlinge ersten Grades“.

Die Verfolgung bestimmte früh ihren Alltag. Die beiden Mädchen durften keine Schule besuchen. Bei Bombenalarm blieb ihnen der Luftschutzkeller verschlossen. Ihre Mutter wurde unter Druck gesetzt, sich von ihrem jüdischen Mann zu trennen.

Im Februar 1945, nur wenige Monate vor dem Ende des Krieges, deportierten die Nationalsozialisten die siebenjährige Edith gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrem Vater von Frankfurt nach Theresienstadt. Die Mutter musste zurückbleiben. Am 8. Mai 1945 erlebte Edith Erbrich dort die Befreiung durch sowjetische Soldaten.

Die Familie hatte überlebt. Doch mit dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft war das Erlebte nicht vorbei.

Vom Schweigen zum Erzählen

Nach dem Krieg ging Edith Erbrich in Frankfurt zur Schule. Sie absolvierte eine Ausbildung bei der „Frankfurter Rundschau“ und arbeitete später bei den Stadtwerken. Über ihre Verfolgung und die Monate in Theresienstadt sprach sie lange kaum.

Erst nach ihrem Eintritt in den Ruhestand begann sie, öffentlich von ihren Erfahrungen zu berichten. Begegnungen mit anderen Überlebenden im Jüdischen Krankenhaus Frankfurt bestärkten sie darin. Seit 1997 tritt sie als Zeitzeugin auf.

Wer Erbrich zuhört, begegnet keiner abstrakten Geschichtsstunde. Ihre Erzählungen handeln vom Alltag eines Kindes, dem plötzlich grundlegende Rechte genommen wurden. Von Angst, Trennung und Erniedrigung. Aber auch davon, wie ein Mensch nach solchen Erfahrungen weiterlebt.

2014 veröffentlichte sie ihre Geschichte unter dem Titel „Ich hab das Lachen nicht verlernt“. Der Satz passt zu einer Frau, die sich nicht auf das reduzieren lässt, was ihr widerfahren ist.

Gemeinsam mit dem Studienkreis Deutscher Widerstand 1933 bis 1945 engagierte sich Erbrich unter anderem für die Wanderausstellung „Kinder im KZ Theresienstadt“. Auch in Frankfurt setzte sie sich für sichtbare Orte des Erinnerns ein. Sie unterstützte das dauerhafte Gedenken an die Deportationen an der früheren Großmarkthalle und wirkte an der Einweihung einer Gedenktafel an der Europäischen Zentralbank mit.

Erinnerung als Aufgabe der Gegenwart

Bei der Verleihung würdigte Mike Josef Erbrich als eine jener Zeitzeuginnen, die den Holocaust für spätere Generationen begreifbar gemacht haben. Ihre persönlichen Berichte hätten dazu beigetragen, das nationalsozialistische System nicht nur als historisches Geschehen zu verstehen, sondern als Erfahrung konkreter Menschen.

Der Oberbürgermeister schlug zugleich den Bogen in die Gegenwart. Fanatismus und Dogmatismus seien keineswegs verschwunden. Demokratie, Freiheit und Rechtsstaat blieben nur bestehen, wenn eine Gesellschaft sie immer wieder verteidige.

Das ist kein beiläufiger Gedanke. Die Zahl der Menschen, die noch aus eigener Erfahrung von den nationalsozialistischen Verbrechen berichten können, wird kleiner. Umso bedeutender ist, was Edith Erbrich über Jahrzehnte geleistet hat. Sie hat ihre schmerzhaftesten Erinnerungen öffentlich gemacht, damit andere verstehen, was Gleichgültigkeit und Wegsehen anrichten können.

Gudrun Schmidt vom Studienkreis Deutscher Widerstand erinnerte in ihrer Laudatio daran, dass Erbrich junge Menschen stets auffordere, kritisch zu bleiben und nicht wegzusehen. Darin liegt vielleicht der wichtigste Teil ihrer Arbeit. Erinnerung ist bei ihr kein feierliches Ritual, das an bestimmten Gedenktagen erledigt wird. Sie ist eine Aufforderung, im eigenen Alltag Haltung zu zeigen.

Edith Erbrich selbst sagte bei der Verleihung, sie habe anfangs nicht geahnt, welche Bedeutung ihre Arbeit als Zeitzeugin einmal haben würde. Erst später sei ihr bewusst geworden, wie wichtig das Sprechen über diese Zeit sei. Obwohl sie heute nicht mehr in Frankfurt lebt, hat sie den größten Teil ihres Lebens in der Stadt verbracht. Die Auszeichnung aus ihrer Heimatstadt bedeute ihr deshalb besonders viel.

Bereits 2007 erhielt Edith Erbrich das Bundesverdienstkreuz, 2026 folgte der Hessische Verdienstorden. Mit der Ehrenplakette würdigt nun auch Frankfurt ausdrücklich ihre Lebensleistung.

Die Plakette wird seit 1952 an Menschen verliehen, die sich in besonderer Weise um die Stadt verdient gemacht haben. Im Fall von Edith Erbrich ist diese Verbindung zu Frankfurt eine schmerzhafte und zugleich versöhnliche. Von hier wurde sie als Kind verschleppt. Hierhin kehrte sie zurück. Und von hier aus erhob sie schließlich ihre Stimme gegen das Vergessen.

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